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„Das stank den Leuten gewaltig“

„Das stank den Leuten gewaltig“
Die Studenten der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung Duisburg sowie Stadtarchiv-Leiterin Dr. Erika Münster-Schröer (2. von rechts) und Prof. Sabine Mecking (Fachhochschule Duisburg) postieren sich vor dem Mahnmal „Die Trauernde“ auf dem Ehrenfriedhof an der Werdener Straße. FOTO: pk
Ratingen (pk). Wie sah es in Ratingen zur Zeit der Weimarer Republik aus? Das erhellt eine neue von Studenten erstellte Broschüre. Von Pierre-Claude Hohn

Obwohl die Weimarer Republik für Deutschland von großer Bedeutung war und ist, findet sie aktuell bei den Menschen allgemein und auch in Ratingen kaum Beachtung, ist nahezu in Vergessenheit geraten. Nun aber feiert die Weimarer Republik ihren hundertsten Geburtstag.

Hinzu kommt noch der viel beachtete Fernsehsechzehnteiler „Babylon Berlin“, der sich mit dem Leben der Berliner Bevölkerung während der Weimarer Republik beschäftigt. Dass die Fachhochschule Duisburg für Öffentliche Verwaltung sich dieses Thema vor einem Jahr vorgenommen hat, erweist sich heute mehr als richtig. Fachhochschulleiterin Prof. Sabine Mecking fragte bei Dr. Erika Münster-Schröer nach, ob die Möglichkeit bestehe, dass ihre Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst den zehnwöchigen Block „Politische Bildung“ in Ratingen zum Thema „Weimarer Republik“ absolvieren dürfen. Die Antwort lautete „Ja“. Und so haben sich neun Studenten auf Spurensuche begeben, dabei 15 Standorte gefunden, die heutzutage kaum noch an die Weimarer Zeit erinnern, aber dennoch Zeugnisse der damaligen Zeit sind.

Damit die Arbeit der Studenten für jeden nachlesbar und erlebbar wird, haben sie eine höchst informative 64-seitige Broschüre mit dem Titel „Stadtrundgang, Ratingen in der Weimarer Republik“ erstellt, die einzelne Standorte aufzeigt, die einen Bezug zur Weimarer Republik haben. Ein Bezug, von dem kaum jemand von der heutigen Generation etwas ahnt. Wie zum Beispiel die Gastwirtschaft „Düsseldorfer Hof“ auf der Düsseldorfer Straße 23, wo sich heute die Deutsche Bank befindet, oder die Gaststätte Strucksberg auf der Oberstraße 12, heute eine Parfümerie, oder die Gaststätte „Ratsstübchen“ auf dem Marktplatz. In diesen Kneipen wurden politische Versammlungen abgehalten. Die Zeiten waren damals sehr unruhig. Allein die Tatsache, dass nach der Ausrufung der Weimarer Republik – die erste Demokratie Deutschlands nach der Kaiserzeit – die Regierungen am laufenden Band wechselten (15 mal in der 15-jährigen Geschichte der Weimarer Republik), zeigt, dass es kaum möglich war, eine seriöse Demokratie aufzubauen.

Hinzu kam die Weltwirtschaftskrise, die hohe Arbeitslosigkeit und immense Wohnungsnot. Die „Goldenen zwanziger Jahre“ waren für die meisten Menschen nur ein unerfüllbarer Traum. Auch die in „Babylon Berlin“ gezeigten Szenen mit Partys und ausschweifenden Tanzabenden gab es in Ratingen nicht. „In Ratingen mit seinen gerade mal 14000 Einwohnern war damals nichts los. Stattdessen fuhren die Menschen, die es sich leisten konnten, mit der Bahn nach Düsseldorf, um dort zu schwofen“, weiß Heinrich Tapken. Die meisten Menschen in Ratingen waren mit ihren Nerven am Ende.

Zur Wohnungsnot sagt Michael Lumer, Lehrer und Vorsitzender des Ratinger Heimatvereins, dass viele über Aborten wohnen mussten: „Das stank im wahrsten Sinnen des Wortes den Bewohnern gewaltig.“ Von daher ist es durchaus verständlich, dass die Nazis relativ leichtes Spiel hatten, die gebeutelten Bürger für ihre Ideologie zu gewinnen. So mündete die Weimarer Republik nach der Auflösung in die Nazi-Herrschaft.

Weiterführende Informationen zum Thema „Weimarer Republik in Ratingen“ hat der pensionierte Geschichts- und Lateinlehrer Heinrich Tapken in seinem Buch „Machtergreifung“, Band 1, beschrieben. Oder man schaut in die Broschüre „Stadtrundgang, Ratingen in der Weimarer Republik“. Begeistert von der Idee, diese Broschüre zu erstellen, zeigte sich auch Ratingens Kulturdezernent Harald Filip. „Ich bin kein Ur-Ratinger, sondern ein Zugezogener, hatte deshalb auch keinen Bezug zu geschichtsträchtigen Orten in Ratingen aus der Weimarer Zeit. Diesen Bezug habe ich dank der Broschüre nun aber. Verstärkend kommt hinzu, dass Timothy Snyder, Professor an der Yale Universität (USA), die Frage nach dem Sinn solcher Studien mit den Worten ’Dass sie uns lehrt, darüber nachzudenken’ beantwortet. Das hat mir die Augen geöffnet.“

(City Anzeigenblatt Duesseldorf)