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Vom Ordenskissenträger zum Chefkönig

Vom Ordenskissenträger zum Chefkönig
Chef-König und Biker: Gero und Steffi Keusen unternehmen gerne Touren auf dem Motorrad. Da kriegt man schön den Kopf frei. FOTO: D. Herrmann
Der aktuelle König der Bruderschaft ist zugleich ihr Chef: Gero Keusen. Seine Familie ist seit Generationen fest im Ratinger Sommerbrauchtum verankert. Es gab aber auch Zeiten, in denen er den Schützen skeptisch gegenüber stand.

Ratingen (dir). Montag, der 8. August 2016 war ein besonderer Tag im Leben des Gero Keusen: "Es war der 10. Todestag meines Vaters. Da ist man natürlich schon sehr emotional. Ich hatte das die ganze Zeit im Kopf." Abends beim Königsschießen merkten ihm das höchstens jene an, die ihn sehr gut kennen.

Als schließlich sein Name aufgerufen wurde, lag die Platte in aussichtsreicher Position. "Ich hatte eine unglaubliche Ruhe in diesem Moment", erzählt Gero Keusen, "und es war ein richtig guter Schuss." Die Platte flog in hohem Bogen, der Chef der Bruderschaft war der neue Schützenkönig und seine Frau Steffi schlug die Hände vors Gesicht – nicht aus Entsetzen freilich, sondern vor Freude: "Weil ich wusste, wie viel ihm das bedeutet."

44 Jahre zuvor stolziert der kleine Gero unter den lächelnden Blicken seiner Familie mit einem Kopfkissen auf den Händen durchs Wohnzimmer. Er probt für seine erste Funktion bei der Schützenbruderschaft: Ordenskissenträger beim großen Festumzug. Eine Aufgabe, die er in kurzer Lederhose und mit einem kleidsamen Hütchen auf dem Kopf mit Bravour erledigt. "Ich war natürlich stolz wie Bolle", sagt er. Allerdings: So richtig hat ihn das Schützenvirus noch nicht erwischt. Stattdessen liebäugelt er zwei, drei Jahre später mit den Idealen der 68er; da passt alles, was mit Brauchtum zu tun hat, nur schlecht hinein.

Das ändert sich schlagartig im Jahr 1980, als sein Vater Josef Keusen Bruderschaftskönig wird. Auf dem Krönungsball trifft er einige Freunde, die ihn davon überzeugen, in die Wilhelm-Tell-Kompanie einzutreten. Er tut es und vielleicht ist es ja doch noch dem rebellischen Geist der 68er geschuldet, dass er mit diesem Schritt eine Familientradition durchbricht: Alle Keusens legten bis zu diesem Zeitpunkt in der Reserve-Kompanie Ehre ein, die Urgroßvater Hubert im Jahr 1896 mitbegründet hatte. Ansonsten bleibt er der Linie seiner Vorfahren treu. Besonders der seines Vaters Josef. "Die Art und Weise, wie er mit seinem Amt als Vorsitzender der Bruderschaft umgegangen ist, war für mich immer vorbildhaft."

Im Jahr 2011 bekommt er die Gelegenheit, es ihm gleich zu tun. Gero Keusen wird auf der Wintergeneralversammlung zum 1. Vorsitzenden gewählt. Es ist für ihn von Beginn an keine Erbhypothek, er macht es aus Spaß und aus Freude, wer mit ihm über das Brauchtum spricht, hegt daran nicht den geringsten Zweifel. Da schwingt Begeisterung mit in jedem Satz, und die Überzeugung das Richtige zu tun. Tradition und Moderne möchte er zusammenbringen, mit den Werten "Glaube, Heimat, Sitte" im Mittelpunkt. Gesellschaftlichen Veränderungen möchte er Rechnung tragen, gegebenenfalls auch mit Anpassungen in der Bruderschaftssatzung.

Etwa in Bezug darauf, wer Mitglied werden darf und wer nicht. "Wir haben derzeit eine Diskussion im Vorstand", sagt Gero Keusen. "Im nächsten Jahr wird es wohl Änderungen geben." Behutsam will er dabei vorgehen, bestimmte Traditionen, die den Markenkern der Bruderschaft ausmachen, sollen bestehen bleiben. Es ist ein Spagat und das weiß er.

Er versucht, ihn mit der ihm eigenen Lockerheit hinzubekommen. Chef-König, den Namen haben sie ihm verpasst für sein Königsjahr. Die Bezeichnung gefällt ihm und deshalb hat er sich auch die Überschrift gewünscht (siehe oben). Ein Wunsch, dem natürlich entsprochen wurde. Die Gefahr, dass er abhebt bestand trotz des Doppel-Titels übrigens nie, wie seine Frau und Königin Steffi Keusen glaubhaft versichert: "Auch ein Chef-König muss mal den Müll runterbringen."

Hat er gemacht. Jetzt freuen sich beide auf den Höhepunkt des Schützenjahres, auf die Partys, die Kutschfahrt, das Treffen mit Freunden und Familie. Zum Zapfenstreich am Samstag im Rahmen des Platzkonzerts hat sich Gero Keusen "Land of Hope and Glory" gewünscht. "Das wird nochmal ein emotionaler Moment", sagt er. Den Dienstagabend haben er und seine Frau unter das Motto 'Wir sind dann mal weg‘ gestellt. "Danach", sagt der König, "bin ich nur noch der Chef."

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