Das Ratinger Schützenkönigspaar im Porträt

Königspaar : Ein unbeschreiblich schönes Jahr

Zehn Jahre lang hat André van Rennings, Hauptmann der Bürger Kompanie, sein Glück beim Königsschießen der Bruderschaft versucht. Fast schien es, als sollte es nicht sein. Immer kam er in aussichtsloser Situation an die Reihe. Aber dann, im letzten Jahr, war die Chance plötzlich da.

Im Wohnzimmer der van Rennings hängen die Momente des Triumphs an der Wand über dem Regal: drei Fotos und die ziemlich ramponierte Königsplatte, alles zusammen stimmig arrangiert in einem hübschen Rahmen. Ein Weihnachtsgeschenk von Babsi van Rennings für ihren Mann. Es hängt so, dass man es eigentlich nicht übersehen kann. Darüber ein Schild mit dem Schriftzug: ’Hab den Vogel abgeschossen, war Notwehr’. Von der Couch gegenüber bietet sich eine freie Aussicht darauf, also von dort, wo André van Rennings häufig sitzt. Und auf ihn übt der Anblick eine ganz wundersame Wirkung aus: Er fängt an zu lächeln. Das funktioniert sogar, wenn er eigentlich schlecht gelaunt ist.

Er sieht die Platte, und er sieht das Foto, auf dem ihn seine Kameraden auf ihren Schultern tragen. Auf diesem Bild schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen und weiß sein Glück ersichtlich kaum zu fassen. Wenn er das sieht, fühlt er sich in ebenjenen Augenblick zurückversetzt. Als der Druck von ihm abfiel und purer Freude Platz machte. So lange hatte er es schon versucht, zehn Jahre. Ohne Erfolg. Immer, wenn er an die Reihe kam, lag die Platte noch zu tief unten.

Aber diesmal kann es klappen. Als sein Name aufgerufen wird, befindet sich die runde Holzscheibe in durchaus aussichtsreicher Position. Wenn nur die Aufregung nicht wäre. „Da geht einem richtig die Flatter. Die anderen waren auch total nervös. Im Grunde alles gute Schützen, aber wir haben uns, glaube ich, gegenseitig kirre gemacht“, erzählt André van Rennings. Dann klingelt der Wecker. Normalerweise bedeutet das, dass vor dem nächsten Schützen die Platte noch etwas höher gelegt wird und mithin leichter von der Stange zu schießen ist.

Leider hat André van Rennings schon das Gewehr angefasst, deshalb bleibt die Platte wo sie ist. Ein kollektives Raunen des Bedauerns geht durch das Publikum. Er muss jetzt schießen. „Plötzlich war ich die Ruhe selbst“, erinnert er sich. Ehefrau Babsi van Rennings steht nicht weit von ihrem Mann entfernt, als die Entscheidung fällt: „Ich war eigentlich ziemlich entspannt, er versucht es ja schon so lange. Aber dann flog die Scheibe und ich dachte nur: krass.“ Und das ist dann vielleicht auch die treffende Beschreibung für alles, was zwischen dem Treffer und dem heutigen Tag passiert ist.

Oder um es in den Worten von André van Rennings zu sagen: „Das Jahr war unbeschreiblich schön. Wir haben praktisch jeden Termin mitgenommen, sogar die an Karneval.“ Als André van Rennings einmal aus gesundheitlichen Gründen einen Termin nicht wahrnehmen konnte, ist seine Frau allein gegangen. Und das, obwohl die gebürtige Berlinerin, als sie 2009 nach Ratingen kam, mit Brauchtum wenig anfangen konnte: „Ich fand das befremdlich.“ Das hat sich gründlich geändert. Dafür sorgte freilich nicht zuletzt der Einfluss ihres Mannes, der mit dem Schützenwesen aufgewachsen ist. Als Achtjähriger kam er nach Ratingen, seine Eltern Margret und Paul van Rennings hatten das Haus Kilian übernommen, das Gründungs- und seinerzeit auch Stammlokal der Bürger Kompanie. Was lag näher, als dort einzutreten. Tat er im Jahr 1991 mit 14 Jahren. In diesem Alter konnte er damals noch nicht Mitglied der Bruderschaft werden.

Das holte er vier Jahre später nach. 1993 wurde er Schülerkönig, 2010 wählten ihn seine Kameraden zum 2. Hauptmann der Bürger Kompanie, sechs Jahre später rückte er auf den Posten des 1. Hauptmanns vor. Dazwischen, nämlich im Jahr 2015, heiratete er seine Babsi und falls ihm danach noch etwas zur Glückseligkeit fehlte, dann war das der Titel des Schützenkönigs. „Das ist schon etwas, was man unbedingt will, sonst tritt man gar nicht erst an“, betont er. Übrigens war es auch für die Bürger Kompanie ein besonderer Tag, als ihr Hauptmann den Königsvogel abschoss.

Die hatte nämlich im Jahr 1972 zum letzten Mal den König gestellt und war heilfroh, dass die scheinbar ewig währende Durststrecke schließlich doch ein Ende fand. Entsprechend engagiert zeigten sich die Mitglieder auch dabei, „ihren“ Bruderschaftskönig zu unterstützen, wo es nur ging.

Und was nehmen André und Babsi van Rennings nun mit aus diesem verrückten und aufregenden Jahr? Zunächst einmal tausende Fotos von Veranstaltungen, an denen sie teilgenommen haben, von der Königin fein säuberlich in unzähligen Ordnern sortiert und auf einer externen Festplatte gesichert; darüber hinaus viele neue Bekanntschaften und eine wunderbare Freundschaft mit dem Jungkönigspaar Raphael Zietz und Corinna Schmitz; und natürlich etliche bleibende Erinnerungen, wie die an den Parlamentarischen Abend im Landtag mit einem riesigen Aufgebot an Schützenkönigen aus ganz NRW, eine Veranstaltung, die nur alle drei Jahre stattfindet und die bei den van Rennings einen starken Eindruck hinterlassen hat. Den Rest vom Schützenfest wollen die beiden nun einfach nur genießen. Am Montag werden sie dann mit Spannung verfolgen, wer der nächste König wird.

Und das war’s dann? Mitnichten: „Nach dem Schützenfest in Ratingen fahren wir mit der Hubertus Kompanie nach Kirchhundem im Sauerland“, erzählt André van Rennings. Dort gibt es nämlich, man ahnt es schon: ein Schützenfest. Die Party geht weiter, auch ohne Krone.

(dir)