Die neue Kolumne von Peter Beyer

Ein Beyer in Berlin : Die Sache mit dem Karma

Peter Beyer berichtet aus seinem Alltag als Ratinger Bundestagsabgeordneter in Berlin.

Es gibt Tage, da fällt das morgendliche Aufstehen einfach schwer – vor allem, wenn man eine schlechte Nacht hatte. So geschehen vergangen Mittwochmorgen, irgendwo in einer Berliner Altbauwohnung. Der politisch Interessierte hört morgens den Deutschlandfunk. Also das Radio aufgedreht: „Es ist 5:35 Uhr. Die Presseschau. Zentrales Thema auf den Kommentarseiten der Zeitungen ist heute die Lage in Syrien. Dazu schreibt die Londoner TIMES …“, plärrt die weibliche Stimme. Fast rhythmisch liest sie weiter.

Die Zeitungen kommentieren mögliche Auswirkungen des geplanten Untersuchungsausschusses zur Pkw-Maut. Es geht weiter mit dem Blick der Sicherheitsbehörden auf den Rechtsterrorismus in Deutschland. Es kommt, wie es an diesem Morgen kommen musste: Ich schneide mich. Ok, denke ich, was soll nun noch passieren. Ich drehe das Wasser der Dusche auf. Die Nachrichten beginnen. Ich warte, bis das Wasser heiß wird. Eine Minute, zwei Minuten – gefühlt warte ich fünf Minuten. Es kommt kein heißes Wasser aus dem Hahn.

Ich denke: „Dit is Berlin“. Okay, heute mal wieder kein heißes Wasser. Als ich etwas später in die S-Bahn einsteige, begleitet mich der Deutschlandfunk immer noch. Dies ist für mich kein typischer Morgen. Ich trage Kopfhörer. Das tun in Berlin alle und immer. An diesem Morgen finde ich, dass es eine gute Idee ist, in der Masse der Menschen unterzutauchen. Es läuft ein Beitrag über ungewöhnliches Verhalten von Tieren in der Pubertät. Das ist ein ziemlich typisches Deutschlandfunk-Thema für 7.15 Uhr. Die Bahn stoppt heftig.

Einen Moment herrscht absolute Stille. Der Typ neben mir hat mir seinen Kaffee „to go“ nur über die Schuhe geschüttet. „Bitte entschuldigen Sie die abrupte Fahrtunterbrechung. Ein Klima-Rebell steht rechts auf den Gleisen. Gerade seilt er sich ab“, so die Durchsage des Bahnführers. Nach den vergangenen Protesten mit Straßenblockaden in Berlin gibt es auch in dieser Woche immer wieder Zusammenstöße zwischen Bürgern und den Klimaaktivisten von Extinction Rebellion. Die Berliner nehmen es gelassen, schließlich ist in der Hauptstadt immer etwas gesperrt. Wen interessiert es da, ob es Aktivisten, eine Baustelle oder ein Staatsgast mit Polizeischutz ist. Der Zug fährt wieder an.

Wie ich im Laufe des Tages erklärt bekomme: Schlechter Schlaf, kein heißes Wasser, Kaffee auf dem Schuh – alles schlechtes Karma, weil ich auf den blauen Stühlen im Reichstagsgebäude sitze. Und wer ist schuld? – Die Engländer. Nein, nicht wie Sie nun denken, wegen des Brexits. Nein, wegen der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Es handle sich um Rache, heißt es. Ja, ich habe auch gedacht: Die spinnen die Berliner. Aber jede Stadt hat ja so seine eigenen Geschichten. Eine davon ist, dass laut Feng Shui die Architektur des Reichstagsgebäudes, dem heutigen Sitz des Deutschen Bundestags, nach dem Umbau durch den britischen Stararchitekten Sir Norman Foster eine Katastrophe sei. Gut, über Kunst kann man bekanntlich streiten, aber nach den globalen Krisen in den Mauern des Berliner Reichstags zu suchen, ist absurd.

Von der fürchterlichen Rache der Briten zu sprechen, klingt wie einer der Grabflüche der alten Ägypter. Foster versah den Reichstag nicht nur mit einer gläsernen Kuppel, sondern auch mit einem trichterförmigen Gebilde, das von der Kuppel in den Plenarsaal führt. Im oberen Teil lenkt dieses mit 360 Spiegeln blendfreies Tageslicht in den Saal, so dass weniger Strom für künstliche Beleuchtung nötig ist. Was sich ökologisch sinnvoll anhört, lässt Feng Shui Experten die Haare zu Berge stehen. Sie behaupten, es handle sich bei dem Trichter um einen tödlichen Stachel, der unsere Welt bedroht.

Okay, das erklärt alles…Als ich die Geschichte im Internet unter „Feng Shui“ und „Reichstag“ suche, stoße ich auf gleich zwei Videos, die die Thematik näher beleuchten. Ich war so amüsiert, dass das schlechte Karma des Morgens vergessen war und ich gut gelaunt unter dem „bedrohlichen Stachel“ den Rest des Sitzungstages verbrachte.Ihre Meinung? redaktion@dumeklemmer-ratingen.de

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